Warum wurde Sokrates angeklagt? (Euthyphron 3b, Apologie 19b)

Von Timo Schmitz

Zu Beginn von Platons Euthyphron treffen sich Euthyphron und Sokrates bei der Säulenhalle des Gerichtsgebäudes, wobei Euthyphron den Sokrates fragt, warum er ihn gerade dort antreffe. Sokrates erklärt, dass er angeklagt wurde. Auf Euthyphrons Nachfrage, warum dies geschah, entgegnet Sokrates wiederum: „Du wundersamer, seltsam klingt es, wenn man es so hört. Er [i.e. Meletos] behauptet nämlich, ich sei ein Göttermacher; und da ich neue Götter machte, an die alten aber nicht glaubte, ebendeswegen verklagte er mich, wie er sagt.“ (3b) Auch in der Apologie wird die Anklage noch einmal zitiert. Dort wird erwähnt, dass Meletos die Anklageschrift auf Grundlage verschiedener Gerüchte verfasst habe, welche Sokrates nachsagen, dass er rechtswidrig handele und Unfug treibe, „indem er erforsch[e], was unter der Erde und am Himmel [sei], die schwächere Rede zur stärkeren mach[e] und auch andere hierin unterweis[e]“. (19b) In der formalen Anklage in 24b wird das dann als Anklagepunkt der Asebie aufgeführt.

Oft wird im Volksmund gesagt, Sokrates sei zudem angeklagt worden, da er die Jugend verderbe. Zwar wird auch in 24b erwähnt, dass er rechtswidrig handele, indem er die Jugend verderbe, aber wäre dies in Athen ein Straftatbestand gewesen, so hätten wir doch sicher weitere Überlieferungen über ähnliche Verfahren oder zumindest eine genauere Kenntnis darüber. Tatsächlich scheint also die Anmerkung, dass er die Jugend verderbe, obgleich es in der Anklageschrift erwähnt wird, nicht direkt zur Anklage zu gehören, sondern diente wohl lediglich als Erklärung für seine Ankläger, warum es so wichtig gewesen sei, dass man Sokrates angeklagt habe: Nämlich, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen, da seine Machenschaften – die Götterleugnerei und Sophisterei – sogar der Jugend schaden würden. Dies kann dadurch untermauert werden, dass Sokrates ausgerechnet in 19b erwähnt, dass die Anklage eben aufgrund vorhergehender Gerüchte zu Stande kam, indem er Naturforschung betreibe und anderen diese angeblich gelehrt habe. Das markante Element in beiden Passagen ist, dass er den Kosmos in Frage stelle und damit wohl Asebie betreibe. Die Asebie wiederum war ein schwerer Straftatbestand, der in Athen geahndet wurde. Dieser reichte daher vollkommen aus, um Sokrates zu verurteilen. Das Warum, wieso es also zur Anklage kam, nämlich dass er als Gotteslästerer oder Götterleugner empfunden wurde, muss primär in 19b gesucht werden. Darauf baut die Anklage in 24b auf. 

Wieso wird im Euthyphron und in der Apologie aber dennoch der Umstand, dass er die Jugend verderbe so betont, wenn es doch wohl nicht direkt strafbar war und die Asebie als Straftatbestand schwer genug wiegte? (Das doch das Verderben der Jugend nicht die eigentliche Anklage sein kann, fällt besonders im Euthyphron auf, denn nachdem Sokrates erläuterte, dass man ihm vorwerfe, die Jugend zu verderben, erkundigt sich Euthyphron, auf was denn eigentlich die Anklage lauten würde, woraufhin Sokrates mit dem Asebie-Tatbestand entgegnete, s. das Zitat 2b weiter oben.) Denn vor allem in der Apologie legt Sokrates explizit dar, warum er der Jugend gar nicht schaden könne.

Fuhrmann (2015: 67 f.) erklärt: „Vielleicht war es möglich (mehrere vergleichbare Fälle legen eine derartige Vermutung nahe), im Anschluß an den eigentlichen Vorwurf der Asebie weitere mißbilligenswerte Betätigungen zu rügen, die ebenfalls eine Beeinträchtigung des Gemeinwohls mit sich zu bringen geeignet waren.“ Man kann daher sagen, dass Sokrates vielleicht zeigen möchte, dass an der Rüge nichts dran ist und damit auch die eigentliche Anklage lächerlich sei. Die Aufforderung, dass man von einer falschen Behauptung der gegnerischen Seite darauf schließen können soll, dass alle anderen Anschuldigungen der gegnerischen Seite falsch seien, begeht Sokrates bereits in 19d (vgl. Meyer, zit. nach Weber, 2007: 40), sodass man diese Vorgehensweise damit parallel sehen kann. Denn wenn er nicht mutmaßlich einen Fehler begeht, dann gäbe es gar keine juristische Handhabe, sondern man müsste ihm dann nur mit „belehrenden Worten den Kopf zurechtsetzen“. (26a) Natürlich handelt Sokrates bewusst so, wie er handelt und gerade deswegen ist es so wichtig zu zeigen, dass sein Handeln eben nicht gefährlich ist.

Dass Sokrates als Gotteslästerer empfunden wurde, ist zeitgenössisch in Aristophanesʼ Komödie Die Wolken belegt, in welcher Sokrates Naturgötter anbetete und den Menschen lehrte, die schwächere Rede zur Stärkeren zu machen. Es liegt also nahe, dass Sokrates eben gerade wegen dieser Wahrnehmung der Asebie angeklagt wurde, und um zu untermauern, dass er mit seinem Treiben eine Gefahr für die Jugend darstelle, wurde dies explizit gerügt, vielleicht um jene, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten zu überzeugen. Denn den athenischen Bürgern lag die Bildung ihrer Söhne sehr am Herzen und es galt, sie zu tugendhaften Männern zu machen.

Dass Sokrates keinesfalls ein Sophist war, verdeutlicht Leggewie (2019: 69) wie folgt: „Dabei war bekannt, daß Sokrates, auf einen klaren Wertbegriff festgelegt, im Gegensatz zu den aufklärerischen Sophisten ohne Entgelt lehrte, in Gesprächen die Menschen und ihre Art zu leben nicht nur kritisch, sondern auch helfend prüfte, sich gegen die Annahme einer Weltordnung ohne göttliches Einwirken und gegen die Proklamation vom Recht des Stärkeren zur Wehr setzte.“ Der Prozess (399 v. Chr.) beruht also – wie in der Apologie deutlich wird – auf Verleumdungen gegen Sokrates und seine Ankläger wollten ihn als besonders gefährlich porträtieren, was vor allem im Kontext des Peloponnesischen Krieges (431-404 v. Chr.) und der Tyrannenherrschaft (404-403 v. Chr.) gesehen, eine sehr gefühlsgeleitete Angelegenheit war. Nicht zuletzt, da Sokrates zu einigen der Tyrannen ein freundschaftliches Verhältnis gepflegt haben soll.

Literatur:

Platon: Apologie des Sokrates/ Kriton. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam, 2015.

Platon: Euthyphron. Übersetzt und herausgegeben von Otto Leggewie. Stuttgart: Reclam, 2019.

Weber, Franz Josef: Platons Apologie des Sokrates. Paderborn: Ferdinand Schoningh, 2007.

Veröffentlicht am 10. April 2022. Aktualisiert am 10. August 2022.

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